Sekte mit beschränkter Haftung (S.m.b.H.) – Glaube als Business

Die Kirche war seit jeher daran interessiert auf möglichst alle Lebensbereiche der Gläubigen Einfluss zu nehmen. Dass die Erfolge dieses Projekts in den letzten Jahrzehnten rapide abgenommen haben, mag kritische und emanzipatorische Geister glücklich stimmen. Doch in Salzburg schicken sich fromme Menschen an, diesen Missstand zu beheben. Auf durchaus spannende Art und Weise. Von David Mehlhart

Die Welt, in der wir leben ist nicht immer ganz einfach zu begreifen. Oftmals gelangt man an Punkte, wo der Mangel an klarem Weg zunimmt und die Gefahr besteht, sich nachhaltig zu verlaufen und zu verirren. Die naheliegendste Herangehensweise für Studierende wäre nun natürlich eine der unzähligen Unibibliotheken aufzusuchen und dort durch das sorgsame Studium dicker und gelehriger Bücher jedwedes Zweifeln und Grübeln mithilfe der Vernunft aus der Welt zu schaffen. Doch hier tun sich einige Hürden auf. Zum einen verfügen die Bibliotheken aktuell über eine sehr begrenzte Zugänglichkeit. Auch wird man eine, so wie man es im Studium an allen Ecken und Ende lernt, einfache Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen, bevor man eine Seite aufschlägt. So mögen hunderte Seiten Kant durchaus sinnvoll sein, gleichzeitig fragt man sich aber auch, ob es nicht vielleicht doch eine Abkürzung zum Seelenheil und den tiefschürfenden Fragen unseres Daseins gibt. Die Antwort lautet: Die gibt es! Und noch dazu beginnt diese Abkürzung genau dort, wo die Universität seit Jahren verschlafen von einem Fuß auf den anderen tritt: Beim professionellen und attraktiven Aufbereiten der eigenen Inhalte für Medien, die einige Jahre nach dem Pergament in Mode kamen. Aber alles der Reihe nach.

Im Jahr 1987 sahen sich einige Studierende in Wien mit diesen Fragen konfrontiert. Man traf sich laut eigener Aussage zum gemeinsamen Gebet und dem Essen von Wurstbroten in der damaligen Wohnung des Salzburgers Georg Mayr-Melnhof. Bald schon entstand Kontakt zu Vertretern der Katholischen Kirche und es bildete sich die „Loretto Gemeinschaft“. Diese ist mittlerweile eine Vereinigung nach kanonischem Recht mitten im Herzen, so die Selbstbeschreibung,der Katholischen Kirche. Diese enge Verbandelung zeigt sich am besten bei den jährlichen Pfingstfeiern. 2019 hielt kein geringerer als Erzbischof Lackner selbst das Hochamt im Salzburger Dom ab. Ziel ist vor allem die Erneuerung der Kirche, wie auf der Webseite nachzulesen ist. Im Grunde ist das aber nur Wein biblischen Alters in neuen Schläuchen. Musste früher der Pfarrer noch selbst die Kunde von der schändlichen Homosexualität, der Rolle des Mannes in der Familie usw. mühsam von der Kanzel aus herunterplärren, macht man das heute in Form von Workshops, Vorträgen und Predigt-Streams. Die eingeschlagene Richtung ist damit recht klar und man kann es der katholischen Kirche auch nicht verübeln, dass man sich um ein zeitgemäßes Auftreten bemüht, wenn man sieht, wie ringsum die jungen Menschen dem gottgefälligen Leben abschwören und gleichzeitig der Sünde anheimfallen. In Salzburg geht man jedoch einen bedeutenden Schritt weiter.

Wein biblischen Alters in neuen Schläuchen.

Dort gründete man 2015 die „H.O.M.E Mission Base“, ihres Zeichens eine 100-prozentige Tochter der Loretto Gemeinschaft. Mithilfe derer will man wieder an die goldenen Zeiten der katholischen Kirche anschließen als man noch Angst hatte vor Gottes Zorn und Urteil und die Kirche auch weite Teile des irdischen Lebens reglementierte. Um dies zu erreichen, folgt man einer – zugebenermaßen – hocheffektiven und durchdachten Strategie. Diese basiert in erster Linie auf der Aneignung von Räumen, sowohl digitalen als auch physischen, und versieht diese mit einem niederschwelligen Zugang.

Diese Souveränität im Umgang mit (digitalen) Medien, Raumkonzepten und Mitgliederakquise kommt aber nicht von ungefähr. Einer der Leiter der „H.O.M.E Mission Base“ und eigentliches Aushängeschild ist Patrick Knittelfelder. Auch wenn man den Namen noch nie gehört hat, kann es gut sein, dass man schon den ein oder anderen Euro bei ihm ausgegeben hat. Knittelfelder ist nämlich zusammen mit einem Geschäftspartner unter anderem Betreiber des Bärenwirtes, des Café Glockenspiels und mehrerer Hotels im Bundesland Salzburg. Daneben schreibt er Bücher und ist etwas, was man wohl am treffendsten mit „Lifecoach“ umschreiben könnte. Bekannt ist er aber vor allem als spiritus rector der „Mission Base“ und neben der Katholischen Kirche selbst vermutlich einer der Hauptsponsoren. In einem Videoportrait, das auf YouTube abrufbar ist, gibt Knittelfelder Einblicke, wie seinen Ansichten nach Kirche im 21. Jahrhundert funktionieren muss. Analog zur Verschmelzung von Glauben, Religion, Geschäftssinn und Lebenscoaching in seiner Person, fordert er dies auch von der Kirche. So moniert er, dass die katholische Kirche zu einer NGO verkommen sei, die zwar wunderbare Sache mache, aber sonst recht aus der Zeit gefallen ist. Ebenfalls, und das verwundert ob der streng hierarchischen Gliederung der Katholischen Kirche bzw. dem urösterreichischen blinden Vertrauen in Autoritäten doch sehr, braucht diese Knittelfelder zufolge eine ordentliche Portion Leadership (und noch viele weitere Totschlag-Vokabeln aus einem 08/15-Führungskräfte-Seminar), um wieder in Schwung zu kommen.  

Am augenscheinlichsten tritt diese Symbiose von Heilsversprechen und Effizienzgedanken in den bereits erwähnten Räumen zu Tage. Beinahe wie bei Bachtins Konzept vom Chronotopos verschränken sich dort poppig geframte Versatzstücke aus zweitausend Jahren Kirchengeschichte mit Selbstoptimierungs-Binsenweisheiten à la „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“ zu einem vermeintlich sinnvollen Ganzen. Sinnbildhaft dafür steht die Dombuchhandlung am Salzburger Kapitelplatz. Als diese im November 2018 geschlossen werden musste, erhielt prompt die Loretto-Gemeinschaft von der Erzdiözese Salzburg den Zuschlag, den Räumlichkeiten zur Auferstehung zu verhelfen. Knapp drei Monate und 250.000 Euro später kehrte die Dombuchhandlung wieder und bei der feierlichen Eröffnung gaben sich honorige Herren wie Weihbischof Hansjörg Hofer oder der Stadtpolitiker Johann Padutsch die Klinke in die Hand. Angaben der Kronenzeitung zufolge kam das Geld direkt von Knittelfelder selbst und auch die laufende Finanzierung scheint nicht alleine durch die eigenen Einnahmen sichergestellt zu sein. Auf der Webseite kann man zum Beispiel monatliche Patenschaften für die Mitarbeiter_innen übernehmen, die als eine Art Gehalt fungieren. Anscheinend steht bei der Dombuchhandlung also nicht das Erzielen von Gewinn im Vordergrund – vor allem, wenn man bedenkt, dass bei der originalen Dombuchhandlung selbst mit eher häretischen Werken wie Reclam-Heften am Ende die Verluste die Gewinne überwogen.

In einem Interview mit dem ORF sagte Knittelfelder, man wolle einen „Urban Bookstore“ einrichten, dessen zentraler Schwerpunkt Leadership-Literatur ist. Knittelfelder war selbst nicht tatenlos und hat ein Buch verfasst, das den verheißungsvollen Titel „Lifestyle Jüngerschaft – Lege das Fundament deines Glaubens“ trägt. Schaut man sich in der Buchhandlung um, erkennt man auch schnell, was es mit dem „urban“ auf sich hat. Die Einrichtung ist modern, die Räumlichkeiten sind hell gehalten und man bekommt sämtlichen Nippes und Klimbim, angefangen von der profanen Teekanne bis hin zu einschlägigeren Produkten wie Ikonen. Daneben gibt es noch einen integrierten Coffeeshop mit Wohlfühlfaktor, der zum Verweilen einlädt. Nur eines sucht man in dieser frommen Version eines Nanu-Nanas fast vergebens: die Bücher. Diese werden sprichwörtlich an den Rand der Handlung gedrängt. All das zusammen hilft dabei, die Buchhandlung als einen Ort mit niederschwelligem Zugang zu etablieren, der Menschen einen positiven Erstkontakt zur „Mission Base“ ermöglicht.

Nahezu das gleiche Konzept in Grün verfolgt man mit „LaCantina“ am Franz-Josef-Kai, ein Restaurant, das nach dem pay-what-you-want-Prinzip funktioniert.  Auch hier wird ein defizitäres Wirtschaften – laut eigenen Angaben schlägt dieses Projekt mit jährlich 100.000 Euro zu Buche – in Kauf genommen, um für Interessierte die Hemmschwelle eines ersten Kontaktes, der fernab der Religion vonstattengeht, zu senken.

Rings um „LaCantina“ im Stadtteil Mülln ist das eigentliche Epizentrum der „Mission Base“. 2016 erstand man von den Barmherzigen Schwerstern das „Haus Luise“ für einen symbolischen Euro sowie das Recht, diese Liegenschaft auf 20 Jahre zu nutzen. Dort, im Bärengässchen 8, findet die „Mission Base“ ihren Kondensationspunkt, von dem aus in vielfältiger Weise gewirkt, geschaltet und gewaltet wird. Zwei Projekte verdienen dabei besondere Betrachtung, da dort der Anspruch, die Kirche bzw. ihre urtypischen Aufgaben mithilfe von Managementmethoden und der dazugehörigen Ideologie zu modernisieren, am klarsten zu Tage tritt.

In einem aufdringlich jugendlichen Jargon werden Jüngerschaftsschulungen feilgeboten.

Zum einen bietet die „Mission Base“ an, im Rahmen einer sogenannten Jüngerschaft für drei bis neun Monaten nach Salzburg zu ziehen. Als Zeitraum wird Oktober bis Juli des folgenden Jahres angegeben.  Das legt zwar nahe, dass parallel zum Aufenthalt in der „Mission Base“ auch studiert wird, explizit steht das aber nirgends. In einem aufdringlich jugendlichen Jargon werden einem die unterschiedlichen Jüngerschaftsschulungen feilgeboten, die auch mit eigenen Schwerpunkten (wie etwa Sport) wählbar sind. In einem PDF, das auf der Webseite abrufbar ist, wird die Jüngerschaft als „ein zielgerichteter Prozess, der nicht an Deinem Verhalten, sondern an Deinen Paradigmen und Deinem Charakter arbeitet“ beschrieben. Soweit, so unklar.

Konkreter wird es aber, wenn die Regeln und Pflichten erläutert werden, denn dort sieht man, dass mit Vollzeit wirklich Vollzeit gemeint ist. Um überhaupt in den Genuss einer solchen Schulung zu kommen, muss man monatlich mindestens 600 Euro berappen. Ist die Summe erst einmal überwiesen, erwartete einen ein Leben, das mit klösterlich nicht schlecht umschrieben ist. Nahezu 24/7 befindet man sich in Obhut der „Mission Base“. Man isst zusammen, man wohnt zusammen und man besucht gemeinsam die Gottesdienste in St. Blasius. Um dieser Bindung Substanz und Ausdruck zu verleihen, werden Seminare abgehalten und am Montag herrscht „Silentium“ im Bärengässchen. Auch die sozialen Kontakte, sowohl nach innen als auch außen unterliegen der Kontrolle des „Mission Base“. Ist es noch nachvollziehbar, dass Katholiken um voreheliche Liebe und Sex einen Bogen machen, so ist es doch erstaunlich, dass man auch etwaigen Besuch bei der Leitung anmelden muss. Organisatorisch und strategisch gesehen sind diese Jüngerschaften in zweierlei Hinsicht gewinnbringend. Zum einen schafft man sich durch die monatlichen Mieten eine fixe Einnahmequelle für eine Liegenschaft, die im Prinzip verschenkt wurde. Auf der anderen Seite kümmert man sich im Stile einer Parteiakademie intensiv um den eigenen Nachwuchs und dessen ideologische Schulung.

Weiters hat sich die „Mission Base“ angeschickt, die urchristliche Botschaft der caritas in Wort und Tat zu leben. Unter dem Überbegriff „Hope City“ finden sich mehrere Sub-Projekte, die den Ärmsten der Gesellschaft zu Gute kommen sollen. Und es mag an sich ein hehres und wunderbares Ziel sein, denjenigen zu geben, die nichts haben. Aber die „Mission Base“ belässt es eben nicht bei der Ausgabe von Essen. Obendrein bekommt man nämlich auch noch eine gesalzene Portion Zynismus neoliberaler Prägung.In einem Video erklärt Lisa Perwein, neben Knittelfelder das zweite große Aushängeschild des Vereins und ihres Zeichens Predigerin, dass sie Obdachlosen schon mal die Hand gebe und dies auch nicht so schlimm sei, da man sich diese ja danach waschen könne. Und weiters merkt sie durchaus weitsichtig an, dass individuellen Kleinspenden im Kampf gegen strukturelle Probleme wie Obdachlosigkeit nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Im Grunde werden die Möglichkeiten und Grenzen der Nächstenliebe profund reflektiert. Doch fast zwangsläufig zeigt sich, dass gläubig-sein mitnichten die Ausbildung zur Sozialarbeiterin ersetzt, eher sogar das Gegenteil. Perwein sagt am Ende des Videos, und das erstaunlich gerade heraus, dass man das mit dem irdischen Leben und den damit verbundenen Lästigkeiten, wie Wohnung, Beziehung usw. jetzt nicht ganz so eng sehen darf, da einem spätestens nach dem Ableben im Paradies das Glück zuteilwird, das einem auf Erden verwehrt blieb.

Die Crux des Paradieses ist halt, dass man dafür rechtschaffen, aber vor allem an Jesus glaubend durch die Lande gegangen sein muss. Wer das nicht gemacht hat, für den schaut‘s auch später eher mau aus. Dass einem Glauben in schwierigen Zeiten durchaus Halt geben kann, soll hier nicht bestritten werden. Wenn man aber Menschen in Notlagen in christlicher Manier auf ein Jenseits vertröstet, welches man auch nur unter Auflagen und Glaubensfleiß, sprich durch Optimierung des eigenen Individuums erreichen kann und es nicht schafft auch nur ein Wort über die ökonomischen Grundlagen von Armut zu verlieren, zeigt dies, dass die Symbiose von Glauben und marktliberaler Ideologie vollends gelungen ist.

Spätestens dort ist es dann vorbei mit der vermeintlich jugendlichen Dynamik und man bekommt die ungeschönte Dröhnung Katholizismus.

An einigen Stellen wurde auch schon das Kerngeschäft bzw. das, wofür die Kirche in erster Linie bekannt ist, angedeutet: das Abhalten von Messen und Predigten, die bei der „Mission Base“ auch gerne als „Preach“ bezeichnet. Und gepredigt wird, was das Zeug hält. Das Beste: man muss nicht einmal physisch vor Ort sein. Dank der – und das muss man neidlos eingestehen – hochprofessionellen Medienabteilung der „Mission Base“ kann man Gottesdienste einfach von zu Hause im Stream oder als Upload bei YouTube nachverfolgen. Sowohl inhaltlich als auch formal haben es diese Gottesdienste in sich. Auf der ästhetischen Ebene changieren sie zwischen poppiger Feelgood-Kirche, wie man sie aus den USA kennt, und Motivationsseminar (Wer wollte nicht schon immer mithilfe einer Flipchart drei biblische Prinzipien für den Umgang mit Geld vermittelt bekommen?). In legerer Atmosphäre sitzen die Zuhörer_innen, die bei weitem nicht nur aus den erwartbaren Jungchristen zusammensetzen, auf Ledersofas und lauschen den unterschiedlichen „Preachern“. Dazwischen gibt es Bandmusik und mit Moderationskärtchen in der der Hand wird durch den Vormittag geführt. So soft und naiv die Aufmachung erscheint, umso knallhärter sind die Inhalte. Spätestens dort ist es dann vorbei mit der vermeintlich jugendlichen Dynamik und man bekommt die ungeschönte Dröhnung Katholizismus.

Im August 2019 zum Beispiel stieg der Loretto-Gründer Mayer-Melnhof höchstselbst auf die Bühne, um einen „Preach“ mit dem Titel „Echte Männer“ zu halten. Und wem beim Lesen dieses Titels schon Übles schwant, der sollte nicht enttäuscht werden. Nicht unelegant verband er dabei neumoderne Motivationsalbaderei mit Inhalten, die angestaubter nicht sein könnten. Zu Beginn etwa forderte er alle Frauen auf, in den hinteren Teil des Saales zu gehen, um seine Worte noch exklusiver an die Männer richten zu können. Diese sollen laut ihm endlich wieder Krieger werden und müssen sich auf dem Weg zum Mann-Sein „Challenges“ stellen. Nicht nur wird dadurch ein Rollenverständnis, das längst seinen Weg in die Mottenkiste des Zusammenlebens gefunden haben müsste, wieder aufgewärmt und den anwesenden Kindern subtil eingebläut; vielmehr wird ein hochproblematisches Bild von Beziehung und Sexualität vermittelt. Und wenn Mayer-Melnhof davon spricht, man müsse heroisch den Kampf gegen die Pornografie und sündhafte Gedanken aufnehmen, tut er dies nicht etwa aus einem feministischen Impetus heraus, sondern um den anwesenden Kindern und Jugendlichen über den Weg der Angst und Verunsicherung die Sündhaftigkeit des Daseins (für das übrigens Eva verantwortlich ist) vor Augen halten. Wer nun so offen ein derart überkommenes und auch gefährliches Bild von Sexualität, Bezug zum eigenen Körper und Emanzipation vermittelt, muss gar nicht mehr offen aussprechen, wie er zu Homosexualität, Abtreibung und Feminismus steht. Dass man mit solchen Botschaften in Salzburg auf offene Arme stößt, machten Pro-Choice-Aktivist_innen klar, die im Mai dieses Jahres Graffitis an „Mission Base“ Einrichtungen anbrachten.

Dieses Beschwören einer konservativen Familienordnung scheint eine fixe Idee der Gemeinschaft zu sein. Das sieht man vor allem an Menschen aus dem Loretto-Umfeld. Im Jahr 2012 hielt der „Neurowissenschaftler“ Raphael Bonelli etwa einen Vortrag in der Zweigstelle Graz zum Thema Umgang mit Stress. Ebenjener Mann blieb seitdem aber nicht untätig und veröffentlichte auf seinem YouTube-Kanal Videos mit klingenden Titeln wie „Warum Gender-Mainstreaming Männer kastriert und Frauen frustriert“ und erreicht damit fast eine Viertelmillion Menschen.

Die Frage, die bis jetzt unbeantwortet blieb, ist die Frage nach dem Warum. Warum stampft man ein dermaßen durchchoreografiertes und feinsäuberlich abgestimmtes Kirchenrevival aus dem Boden. Wer profitiert davon und vor allem in welcher Art und Weise? Spannend ist diese Frage auch, weil an mehreren Stellen der „Mission Base“ die grundlegendste Daseinsberechtigung, die eine kapitalistische Welt an alles und jeden stellt, offensichtlich nicht erfüllt wird, nämlich dass am Ende irgendwo eine schwarze Zahl steht. Im Falle des Falles wäre man mit Knittelfelder aber gut beraten.  Vielmehr muss die „Mission Base“ als eine strategische Zukunftsinvestition der Katholischen Kirche gesehen werden, mithilfe derer man sowohl an die Gläubigen von Morgen herankommt, als auch neue Wege hinsichtlich der Ästhetik beschreitet, fernab von Weihrauch und Orgelmusik.

Warum stampft man ein dermaßen durchchoreografiertes und feinsäuberlich abgestimmtes Kirchenrevival aus dem Boden.

Gleichzeitig muss man sich aber auch die Frage stellen, warum Menschen den Weg hin zur „Mission Base“ gehen, was ihr Antrieb ist und welche Sehnsüchte sie dort zu stillen hoffen. Die Gründe hierfür sind hochaktuell und den Umständen, in denen wir leben, geschuldet. Eingangs war von einem Mangel an klarem Weg die Rede; dass man sich nach Ordnung und Struktur sehnt. Das alles sind aber Dinge, die in einer Welt, die von Entfremdung, Leistungsdruck und zunehmender Komplexität gekennzeichnet ist, weniger und weniger werden. Während auf der einen Seite eine Zukunft mit Haus und Garten immer unwahrscheinlicher wird, so steigt das Risiko, auch schon in einem jungen Alter psychisch zu erkranken.

An diesem Punkt muss man der Katholischen Kirche wohl gratulieren. Das selbstgesteckte Ziel, die Kirche zu erneuern und ins 21. Jh. zu katapultieren, wurde in beeindruckender Manier erfüllt. Beschrieb der Soziologe Norbert Elias die Ablöse von Fremdzwängen durch Selbstzwänge als Grundmotiv der Zivilisation, so schafft es die „Mission Base“, beide Formen der Zwangsapparaturen gegenüber ihren Mitgliedern zu etablieren. Auf der einen Seite erfährt das (soziale) Leben, vor allem, wenn man in den Strukturen vor Ort aktiv ist, eine ungeheure Reglementierung von außen (wie etwa das Schweigegebot an Montagen). Dem gegenüber steht die konsequente Implementierung von Selbstzwängen durch das individuelle Haftbarmachen des Einzelnen. Dieser Vorgang ist einer der zentralen Momente einer spätkapitalistischen Welt, die, um es mit Margret Thatcher zu sagen, keine Gesellschaft mehr kennt, sondern nur noch einzelne Männer und Frauen.

Genau an diesem Punkt setzt die „Mission Base“ mit ihrem – im neutralsten Sinne – virtuosen Umsetzungen von Religion ein. War die Kirche bis in die 50er noch ein gewichtiger Akteur im öffentlichen Leben und reglementierte auch weite Bereiche des Privaten, befand sie sich spätestens ab 1968 in Remission, als Hundertausende Menschen auf die Straßen gingen und sich dort für emanzipatorische und aufklärerische Positionen stark machten. Der Kirche wurde schlichtweg das Wasser als moralische und ordnende Instanz abgegraben. Knapp 50 Jahre später scheint es so, als hätten diese Errungenschaften eher das Gegenteil bewirkt als intendiert war. Das Versprechen, von nun an selbst Herr der Lage zu sein, wurde nur bedingt eingelöst.

Wohlkalkuliert, leicht konsumierbar und ideal auf die Lebenswelt junger Menschen zugeschnitten.

Genau das aber bekommt man nun bei der „Mission Base“ in einer wohlkalkulierten, leicht konsumierbaren und ideal auf die Lebenswelt junger Menschen zugeschnittenen Form vorgesetzt. Durch physische Räume wie Buchhandlung, Restaurant und Wohnheim wird eine ordnende Struktur erzeugt. Ergänzt wird das durch klare ideologische Angebote, deren Kernaussagen nichts wissen wollen von Abhängigkeiten und Zusammenhänge einer modernen Welt. Die Erklärungen folgen stattdessen einem actio–reactio-Prinzip, dessen Bewegung einzig und allein aus dem Individuum kommt. Daneben erfährt die Welt eine merkliche Vereinfachung, die nostalgisch an eine vermeintlich heilere Vergangenheit angelehnt ist. Männer dürfen wieder Männer sein und geht es einem schlecht, kann man sich immer noch auf das Paradies freuen usw. usf.

Als logische Konsequenz davon werden Kritik, Interesse an einem besseren Verständnis der Zustände und die Autonomie des Subjekts klammheimlich unter den Teppich gekehrt. Aber schon Wolfgang Pohrt schrieb Mitte der 80er über die aufkommenden New-Age- Bewegung: „Die Gruppe ist zur Zuflucht für Menschen geworden, denen das Leben alle Ansprüche ausgetrieben hat“.

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