Der Georg, sein Jesus und die Kartonagen

Letzte Abendmahl, Jesus, Leonardo Da Vinci, Malen

2020 erschien in der uni:press ein Artikel, der sich mit den Umtrieben der Lorettogemeinde beschäftigte. Auch von Georg Mayr-Melnhof – Gründer dieser Gemeinschaft – und seinen erzreaktionären Predigten war dort zu lesen. Dieser sitzt auch im Aufsichtsrat der multinationalen Mayr Melnhof Karton AG – und dort nimmt man es bei den Arbeitsbedingen nicht ganz so ernst mit der christlichen Nächstenliebe.

Hans Elas

Fangen wir bei den Kartonagen an. Wer kennt sie nicht, die hübschen Verpackungen der süßen Verführungen in den Regalen der Supermärkte, die häufig nicht mehr in Plastikfolie verpackt sind. Kartons in vielfältigsten Farben und Formen lösen zunehmend Kunststoffe ab. Man will ja nachhaltig sein. Fast alle Verpackungen, nicht nur in deutschen Geschäften, haben eines gemeinsam: Sie wurden und werden produziert von einer Firma, die außer in Fachkreisen eher unbekannt ist: Mayr Melnhof (MM).

Die Mayr-Melnhof Kartonagen AG ist Europas größter Karton- und Faltschachtelhersteller mit Stammsitz in Österreich. Aber sie ist nicht nur ein bedeutender Player auf dem europäischen Markt. Sie verfügt über fünfzig Produktionsstandorte auf drei Kontinenten, neben Europa auch Asien und Amerika. Sie verkauft ihre Produkte in über hundert Länder der Welt. Über 10.000 Beschäftigte ermöglichten 2020 einen Umsatz von ca. 2,5 Milliarden Euro. Die Aktiengesellschaft ist in zwei Geschäftsbereiche unterteilt. Etwa 40 Prozent entfallen auf MM Karton, der seit kurzem MM Board & Paper heißt und Produktionsstandorte in den Ländern Österreich, Deutschland, Slowenien, Finnland, Polen und Norwegen hat. Der andere Geschäftsbereich, der sich MM Packaging nennt, produziert in den europäischen Ländern Österreich, Deutschland (neun Werke), Frankreich, Großbritannien, Polen, Rumänien, Spanien, Russland, Ukraine und in den asiatischen Ländern Türkei, China, Iran, Jordanien, Philippinen und Vietnam. Was Amerika betrifft, ist MM in Kanada, Chile und Kolumbien vertreten.

Zwar gibt es in diesem Segment noch größere Konzerne, aber Mayr-Melnhof schließt durch strategische Zukäufe immer mehr auf. Die Firma ließ sich zwei Werkszukäufe in diesem Jahr über eine Milliarde Euro kosten. Es handelt sich um ein Werk in Finnland und eins in Polen. Die polnische Niederlassung allein beschäftigt etwa 2300 Mitarbeiter. Mayr-Melnhof hat eine Eigenkapitalquote von 64,5 Prozent und gilt bei den Aktionären als grundsolide. Damit aber die Aktionäre mit den Ergebnissen zufrieden sein können, werden an das Management hohe Erwartungen gestellt. Dazu später mehr. MM kommt immer wieder mal in die Schlagzeilen. Stolz vermeldete sie im letzten Geschäftsbericht: „So wurde die Mayr-Melnhof Gruppe für ihren Beitrag zum Klimaschutz durch innovative Kartonverpackung mit dem neu eingeführten Green Tech Award der ÖGSV (der Österreichischen Gesellschaft für Verbraucherstudien) ausgezeichnet.“

Schandfleck des Jahres 2012

Die Firma hat einen guten Ruf bei den Aktionären, nicht so jedoch bei den Beschäftigten und bei den Gewerkschaften. Siegfried Heim, Tarifsekretär Verlage, Druck, Papier der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di: „Gezielte und ständige Angriffe auf Betriebsräte und aktive Gewerkschafter sowie Behinderung deren Arbeit sind das alltägliche Standardprogramm, das von den örtlichen Geschäftsführungen der Mayr-Melnhof-Werke sicher nicht ohne Rückendeckung aus der Wiener Konzernzentrale exekutiert wird.“ 

Am Welttag der sozialen Gerechtigkeit (ja auch so etwas gibt’s), dem 20. Februar 2013, wurde in Wien der Schandfleck des Jahres 2012 verliehen. Dabei handelt es sich um eine „Auszeichnung für gesellschaftlich unverantwortliche Unternehmen, Organisationen und Institutionen“. In die engere Auswahl kamen KIK, eine Tengelmanntochter, die im Zusammenhang stehen mit der Brandkatastrophe in Pakistan, bei der 289 Menschen in der Fabrik gestorben waren; der Grazer Anlagenbauer ANDRITZ AG im Zusammenhang mit seiner Beteiligung bei dem brasilianischen Staudammprojekt Belo Monte, das großen Schaden in der Umwelt hervorrufen wird und die Lebensgrundlage vieler Menschen vor Ort zerstört. Und schließlich Mayr-Melnhof Packaging im Zusammenhang mit wiederholter Negierung betriebsrätlicher Rechte. Letztere machte das Negativrennen, was die Herren Vorstände wenig beeindruckt haben wird. Sie machten weiter wie bisher. 2014 schloss MM eine Druckerei in Dortmund mit 79 Beschäftigten. Die ehemalige Druckerei Busche war die letzte große Druckerei in Dortmund. Anfang Mai dieses Jahres kündigte die Firmenleitung an, die MM Graphia Bielefeld-Brackwede komplett zu schließen. Es ist der Betrieb, in dem Frank Werneke, der Verdi-Vorsitzende, seine Lehre gemacht hatte.

Die Beschäftigten reagierten mit einem 48-stündigen Streik, mit dem zumindest ein Sozialplan durchgesetzt werden konnte. Nach langem Hin und Her zwischen Betriebsrat und Firmenleitung einigte man sich auf eine Transfergesellschaft für die 212 Beschäftigten. Nach 92 Jahren wurde die Druckerei am 1. Oktober geschlossen. Schon vorher war der Firma von den Produktionsarbeitern ein denkbar schlechtes Zeugnis ausgestellt worden. Dazu eine Auswahl vom Februar 2021: „Die Arbeitsbedingungen sind eine Katastrophe.“; „Personal wird überwacht durch technische Module an den Maschinen.“; „Schlecht am Arbeitgeber finde ich so ziemlich alles.“; „Viel Stress durch immer weniger Mitarbeiter.“; „Abmahnungen auch für Kleinigkeiten.“ Im aktuellen Geschäftsbericht 2020 des Gesamtkonzerns liest sich das ganz anders: “Wir richten unsere Aufmerksamkeit in hohem Maß darauf, dass man gerne bei MM arbeitet…“ Wie nett das doch formuliert ist! Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass MM Graphia nur einer von drei kleineren Betrieben ist, die MM in diesem Jahr plattgemacht hat. Im deutschen Werk in Baiersbrunn und im niederländischen Eerbeek sind 400 Beschäftigte betroffen. Vor einem Jahr traf es auch die MM Niederlassung Hirschwang in Niederösterreich mit ca. 130 Beschäftigten, obwohl das Werk in den letzten Jahren ständig Rekordergebnisse lieferte, nicht zuletzt dank Corona. Einer der besten Kunden war Amazon. 2018 war der Standort konzernweit noch als „Werk des Jahres“ ausgezeichnet worden. Und noch Anfang September fingen neue Lehrlinge ihre Ausbildung an. Die Beschäftigten wurden von der Entscheidung der Konzernleitung eiskalt erwischt.

„Ich bitte von Herzen…“

Und was sagt der Vertreter der Eigentümerfamilie im Aufsichtsrat z.B. zur Schließung in Bielefeld auf eine Anfrage des Verfassers dieses Artikels? „Ich bin darüber informiert, dass der Betrieb in Bielefeld geschlossen werden soll. Der spürbare Rückgang des Zigarettenkonsums hat wohl Auswirkungen auf bestimmte Verpackungsprodukte. Nach meinen Informationen schreibt Bielefeld leider schmerzhafte Verluste. Wir verlangen von unserem Vorstand und unserer Geschäftsleitung – und das ist gewiss legitim – hohen Einsatz und Wettbewerbsfähigkeit. Wie in jedem anderen Unternehmen auch, werden immer wieder neue Betriebe akquiriert und andere geschlossen.“ So einfach ist das. Kapitalismus as usual. Und weiter: „Bei notwendigen Schließungen hat für uns als Familie die soziale Komponente immer einen hohen Stellenwert. Zum einen gibt es oft das Bemühen, Beschäftigung in anderen Werken anzubieten, zum anderen mühen wir uns um faire Abfindungen. Ich bitte von Herzen um ihr Verständnis. Jeder Arbeitsplatz der verloren geht, jeder Betrieb der geschlossen werden muss, ist ein Schmerz. Nicht nur für die Betroffenen, auch für uns als Unternehmen und Eigentümerfamilie.“ (Juli 2021)*

Damit wären wir bei Georg. Oder wie er mit vollem Namen heißt: Georg Mayr-Melnhof, Vertreter der Eigentümerfamilie im Aufsichtsrat der Mayr Melnhof AG. Er ist ein bescheidener Mensch und lässt seinen immensen Reichtum nicht heraushängen. Er hat nichts zu verbergen: “Als Vertreter der Salzburger MM Familie sitze ich seit 15 Jahren im AR. Und richtig, seit mehr als 30 Jahren gehöre ich in leitender Funktion einer lebendigen christlichen Gemeinschaft an.“*

Aber der Reihe nach. Schauen wir uns den Georg näher an. In seiner “christlichen Gemeinschaft“ lässt er sich mit dem Vornamen anreden. Dabei ist er eine waschechte Durchlaucht. Seine Mutter ist eine geborene Gräfin von Orsini-Rosenberg und sein Bruder Friedrich III. Ist mit einer Gräfin von Nostitz-Rieneck, einer Urenkelin des in Sarajevo ermordeten Thronfolgerpaares, verheiratet. Der Vater, Friedrich II., Papi genannt, eigentlich ein Freiherr von Mayr-Melnhof, war Landesjägermeister von Salzburg und als Landesrat (ÖVP) Mitglied der Salzburger Landesregierung. Georgs Schwester Doraja (ÖVP) gehörte von 2004 bis 2010 der Salzburger Landesregierung an. Die Familie Mayr-Melnhof (Salzburger Zweig) besitzt ca. 7000 ha Grund und Boden in Salzburg und Oberösterreich, die beiden Schlösser in Glanegg und Kogl, nicht unerhebliche Anteile an der MM Karton AG und diverse weitere Immobilien, eine Holzhandlung und und und… Man kann also mit Fug und Recht sagen, die Familie gehört zu den reichsten österreichischen Familien. Der Familienleitspruch lautet: Recte Agendo Securitas – Rechtes Schaffen verleiht Sicherheit. Vieles wäre noch zum familiären Umfeld zu sagen, was aber an dieser Stelle zu weit führen würde.

Da Georg ein braver und frommer Bub war und noch sieben überlebende Geschwister hatte, die sich um die Verwaltung und Vermehrung des familiären Besitzes kümmern konnten, wollte (oder sollte?) er die geistliche Laufbahn einschlagen. Nach der Matura studierte er aber zunächst Wirtschaftswissenschaften, was sich letztlich als nützlich erweisen sollte. Mit 27 Jahren wechselte er doch noch zur Theologie. Heute ist er verheiratet und hat zusammen mit seiner Frau zwei Söhne und zwei Töchter. Georg ist Jugendleiter in der Erzdiözese Salzburg und seit März 2021 Diakon, also ein Beinahepfarrer. Neben seiner Aufsichtsratstätigkeit, über die er ungern öffentlich spricht, ist er für die sog. Lorettogemeinschaft missionarisch tätig. Diese „Gemeinschaft“ bewegt sich innerhalb der Katholischen Kirche, ist extrem konservativ und zeigt ein sektenhaftes Gebaren, wie Insider anmerken. Im Führungszirkel befinden sich mehrere Personen aus dem Hochadel wie etwa Dr. Maximilian Oettingen, genannt Maxi, der mit vollem Namen Dr. Ludwig-Maximilian Constantin Moritz Nikolaus Notger Maria Prinz zu Oettingen-Oettingen und Oettingen-Wallerstein heißt und einen veritablen Stammbaum besitzt. Georg und Maxi und ein paar andere, die sich im bosnischen Medjugorje bekehrt hatten, sammeln Jugendliche um sich, die sie zu „Jüngern“ ausbilden.

Nicht alle Führungsfiguren kommen aus dem Hochadel, manche nur aus dem Geldadel. So etwa der erfolgreiche Salzburger Unternehmer Patrick Knittelfelder („Ich produziere Österreichs bestes Backhendl.“). In ihren Schulungen, die sehr stark auf Leadership ausgerichtet sind (in Österreich vermeidet man das Wort „Führer“schaft), sprechen sie viel über ihre Liebe zu Jesus und Maria und über das herrliche Jenseits, auf das sie ihre Jüngerschaft hin orientieren. Georg, Maxi und andere Leader aus dem Inner Circle haben sich u.a. in den USA bei der Psychogruppe „Marked men for Christ“ ihr Rüstzeug angeeignet.

Bei ihren Vorträgen wird ein Thema nicht erwähnt: der materielle Background der Leader. Kein Thema ist auch, wie z.B. Georgs Manager beim MM Konzern gnadenlos Betriebe plattmachen kann, um die Gewinnmarge zu steigern. Sind das alles nur Spinner? Das wäre zu kurz gegriffen, da sie bisher verdammt erfolgreich und in der Lage sind, tausende Jugendliche in ihren Bann zu ziehen. Worauf deutet das hin? Es ist nicht zuletzt Ausdruck einer tiefen Krise der kapitalistischen Gesellschaften. Eine Krise, die nicht nur materieller Natur ist. Vor allem jüngere Menschen stellen Fragen nach der Zukunft, bei denen die herrschenden Kräfte passen müssen.

Die Linken, die Gewerkschaften und andere fortschrittliche Kräfte sind derzeit kaum in der Lage, zufriedenstellende Antworten zu geben und Perspektiven anzubieten. Wir wissen, nichts bleibt, wie es ist. Und für manche gilt der Satz: „Wo das Neue eine Verschlechterung ist, kann die Vergangenheit mehr Zukunft enthalten als die Gegenwart.“ Es muss ja auch Gründe geben, warum der religiöse Obskurantismus nicht nur in den USA an Bedeutung gewinnt. Der katholische Bischof Oster (früher bei Radio Charivari) stellte der Gruppierung, für die Georg Mayr-Melnhof steht, unlängst in Passau ein dreistöckiges Haus zur Verfügung, das er für 4,8 Millionen aufwendig umbauen ließ. In der Passauer Kirchenzeitung vom 14. November 2021 wurde das Projekt vorgestellt unter der Überschrift: „Neue Heimat für Hoffnungsträger?“. Schade um die Jugendlichen, die sich in einen Zug begeben, der rückwärtsfährt.

* Georg Mayr Melnhof reagierte auf eine erste Anfrage (s. Zitate oben). Auf Nachfrage antwortete er nicht mehr.

Hans Elas ist pensionierter Volksschullehrer, ehem. stellv. Landesvorsitzender der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) Bayern und arbeitet seit einigen Jahren in einer Geschichtswerkstatt mit (www.geschichtswerkstatt-dorfen.de)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.