„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“

Kündigung, Abmahnung, Arbeitslos, Arbeitslosigkeit

Von Yael Gold

Überall und immer wieder hört man davon: Cancel Culture. Die Angst, einem (medialen) Shitstorm ausgesetzt und schließlich gänzlich von der öffentlichen Bildfläche gewischt zu werden, steigt. Heute dürfe man ja gar nichts mehr sagen. Die Empörungskultur der linken „woke-Bubble“ sei totalitär und würde die Menschen in ihrem Recht auf Meinungsfreiheit zensieren. Doch wer wird jetzt eigentlich von wem „gecancelt“?

Cancel Culture versus akademische Redefreiheit

Auch an der Universität Salzburg wird dieses Semester fleißig darüber diskutiert, was man denn „eigentlich noch sagen darf“. Um Antisemitismus, Rassismus und Gender soll es in einer Vorlesung dieses Semester gehen, in der die „Grenzen der akademischen Redefreiheit“ eruiert werden sollen, nachdem im vorigen Semester die Veranstaltung eines anderen Professors „gecancelt“ wurde. 

Konkreter Auslöser war eine ursprünglich geplante Lehrveranstaltung im Sommersemester 2021, in der es um BDS (Boycott – Divestment – Sanctions) gehen soll. Unterrichtet selbstverständlich von einem Professor, der die Bewegung offenkundig unterstützt. Der bereits zuvor – auch an der Universität Salzburg – als „kontrovers“ aufgefallene Professor wollte also sein Seminar zur Gänze einer Bewegung widmen, die Israel als koloniales Projekt einordnet, als Apartheitsstaat deklariert und zumeist ausschließlich dessen jüdische Bevölkerung boykottieren möchte.

Schließlich lag es an uns jüdischen Studierenden, die antisemitische Problematik des Seminars offenzulegen, Recherche zu betreiben, die Initiative zu ergreifen, Gespräche zu suchen und dafür zu sorgen, dass ein Seminar, in dem antisemitische Inhalte Platz gefunden hätten, verhindert wird, was schlussendlich auch dank der Hilfe der Jüdischen Österreichischen Hochschüler*innen in Wien und der ÖH Salzburg möglich war. Aber eben wieder dazu führte, dass wir Betroffene uns um uns selbst kümmern mussten, während andere Studierende, statt uns im Kampf gegen Antisemitismus zu unterstützen, einen offenen Brief in Solidarität mit dem „gecancelten“ Professor verfassten. Aber immerhin: Das Seminar wurde abgesagt, „gecancelt“, und als Kompensation sollen dieses Semester akademische Redefreiheit und „Cancel Culture“ kritisch diskutiert werden, was auch immer das heißen mag.

Man könnte nun denken: „Gut, immerhin hat die Universität eingesehen, dass das Seminar abgesagt werden soll. Kompensation ist ja wohl noch drin, denn die Themen müssen ja auch kritisch diskutiert werden.“ Jein. Das Statement der Universität Salzburg damals war enttäuschend, an Schuldeingeständnis mangelte es wie immer, wenn etwas antisemitisches an dieser Universität vorfällt, aber darüber wurde bereits in der diesjährigen Aprilausgabe der uni:press berichtet. Jetzt soll es vor allem darum gehen, was die Universität seither aus dem Vorfall gelernt zu haben scheint: nichts.

Denn was ist nun die korrekte Antwort darauf, wenn jüdische Studierende sich über ein Seminar beklagen, das antisemitische Inhalte reproduziert? Natürlich: Es widerwillig und auf viel Nachdruck absagen – also das absolute Minimum tun – und es dann im Gegenzug den jüdischen Studierenden noch schwerer machen, indem man noch eine Vorlesung plant, in der nun „Cancel Culture“ und „akademische Redefreiheit“ das Zentrum des Diskurses bilden, basierend auf den Themen – surprise – Antisemitismus, vor allem „Israelkritik“, Rassismus und Gender. Gecancelt wurde also nichts und niemand. Der „gecancelte“ Professor wird anderswo seine Thesen weiterverbreiten können, die Universität hat sich ihre Finger nicht schmutzig gemacht und die Obsession Nichtbetroffener mit Jüdinnen*Juden und ganz besonders Israel, kann weiter gefüttert werden. 

Eine Frage der Perspektive – und der Privilegien

Das alles heißt jetzt nicht, dass man über diese Themen nicht diskutieren sollte. Im Gegenteil: Antisemitismus, Rassismus – und eben auch ganz besonders antipalästinensischer Rassismus – und viele weitere Themen müssen viel mehr Raum bekommen, intersektionale Bündnisse müssen geschlossen werden und es ist notwendiger denn je, auf Probleme verschiedener marginalisierter Gruppen auch im öffentlichen Diskurs aufmerksam zu machen. Aber genau da liegt ein sehr grundlegendes Problem: Während wir als Betroffene permanent damit konfrontiert sind, unsere Lebenszeit mal mehr, mal weniger freiwillig darin zu investieren, Nichtbetroffenen unsere Diskriminierungserfahrungen, strukturelle Probleme und deren Verantwortung als privilegierte Menschen zu vermitteln, erleben wir als Reaktion darauf statt Solidarität vor allem Unverständnis und Abwendung. Man „will“ also über Diskriminierung reden, oder zumindest so tun, als wollte man das, aber bitte keinen direkt Betroffenen eine Bühne geben, denn die sind zu unangenehm.

Statt sich also auf die Perspektive und die Lebensrealitäten Betroffener einzulassen und die eigenen Aussagen kritisch zu reflektieren, zentrieren viele Nichtbetroffene sich selbst als die „vor den Kopf gestoßenen“, die sonst nie Widerspruch für ihre diskriminierenden Aussagen bekommen. Sie manövrieren sich also selbst in eine Opferrolle, obwohl sie eigentlich die Täter*innen sind, denn auf einmal erfahren sie legitime aber für sie unangenehme Kritik, wenn sie diskriminierende Dinge sagen, die sie bisher problemlos äußern konnten. Das ist sie also angeblich, diese Cancel Culture.

Sie reicht schließlich von bekannten TV-„Comedians“, deren sexuelle Übergriffe ans Licht kamen über „Satiriker*innen“, die antisemitische Witze vor einem grölenden nichtjüdischen Publikum reißen zu TV-Hosts, die sich rassistisch und antiziganistisch äußern und Applaus dafür ernten, über die Frankfurter Buchmesse, wo rechtsextreme Verlage problemlos ihre Bücher ausstellen während schwarze Frauen bedroht und schließlich zur Absage ihres Auftrittes genötigt werden, bis letztendlich auch zur Uni Salzburg, wo einem externen Professor Plattform zur Verbreitung antisemitischer Inhalte gegeben worden wäre. Sie alle haben öffentlich für ihr Verhalten Kritik erfahren. Rechtskonservative Medien behaupten, einige von ihnen wurden gar „gecancelt“.

In Wahrheit haben sie alle aber zunächst mehrere andere Dinge gemeinsam: Niemand von ihnen wurde „gecancelt“, im Gegenteil: Einige haben zusätzlich ganze neue Plattformen bekommen, von TV-Formaten über Podcasts über Angebote, Bücher zu schreiben. Niemand von ihnen ist von den Diskriminierungsformen, die sie reproduzieren und/oder über die sie sich lustig machen, betroffen. Alle sind sie Täter*innen und schließlich stilisieren sie sich aber alle als die Opfer der vermeintlichen „Cancel Culture“, weil Betroffene sie für ihre Aussagen kritisierten und das sei ja unfair, denn schließlich habe es ja niemand so gemeint und alles war ganz anders. Sie sind also die wahren Sieger*innen im vermeintlichen Kampf gegen die „linke Zensur“. 

Betroffene hingegen erfahren Entsolidarisierung und Schikane. Die angeblich „Gecancelten“ werfen ihnen häufig vor, sie würden übertreiben oder gar ihre Diskriminierungserfahrungen als PR-Stunt nutzen. Sie werden noch systematischer aus Diskursen und Räumen ausgegrenzt, denn sie würden der Mehrheitsgesellschaft schaden, seien totalitär und gegen Meinungsfreiheit. Am Ende aber bangen aber genau diese von struktureller Diskriminierung betroffenen Menschen schließlich um ihr Leben, wenn Rechtsextreme, die durch öffentliche Outcalls auf sie aufmerksam werden, Morddrohungen an sie aussenden. Und dann bleiben häufig nur noch ein Rückzug aus dem öffentlichen Diskurs, ein Umzug und die Hoffnung, dass nichts passieren wird. Wer wird hier also wirklich „gecancelt“?

Tun, was man tun muss. Oder doch nicht?

Man müsse unangenehme Meinungen aushalten, heißt es dann oft. Man müsse über solche Themen diskutieren, so wie eben jetzt, wenn es um „akademische Redefreiheit“ geht. Die Frage ist aber, wer diskutiert hier worüber? Und mit wem? Und warum? Und was muss man eigentlich wirklich aushalten? Müssen Personen, die strukturell diskriminiert werden, es wirklich aushalten, dass privilegierte Menschen ihnen ihre Diskriminierungserfahrungen absprechen, sich darüber lustig machen, Rechtsextremen den Weg frei räumen Menschen zu bedrohen, zu verletzen oder ihnen gar noch Schlimmeres anzutun, weil die Hilferufe von Marginalisierten nie ernst genommen werden? Müssen wir Jüdinnen*Juden Antisemitismus aushalten, antisemitischen Inhalten an der Universität Raum geben, oder gar mit Menschen sprechen, die uns hassen und im Extremfall tot sehen wollen? Ist es intolerant, nicht mit Faschist*innen zu diskutieren? Nein. Eigentlich wäre es die Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft, klare Kante gegen Diskriminierung zu zeigen und Betroffene zu unterstützen statt Täter*innen zu schützen. Aber statt das zu tun, werden verschiedene Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit lieber ins Endlose abstrahiert, um dann zu der alles entscheidenden Frage zu kommen, ob der Hass auf marginalisierte Gruppen am Ende nicht doch irgendwie legitim war, weil das war halt einfach die Meinung dieser Person und die wurde einfach nur falsch verstanden.  

Auch die besagte Vorlesung an der Universität Salzburg funktioniert nach diesem Prinzip. Diskriminierung, in diesem Fall Antisemitismus, aber auch die Themen Rassismus und Gender werden abstrahiert, es wird diskutiert, was man noch sagen dürfte, was eine „Meinung“ sei, was Betroffene aushalten müssten, statt sich konkreten Erscheinungsformen von Diskriminierung zu widmen oder gar Strukturen oder Mechanismen zu analysieren. Und der Auslöser dafür? Jüdische Studierende erleben, wie jemand an ihrer Universität antisemitische Inhalte verbreiten möchte, müssen sich selbst darum kümmern, dass die notwendigsten und absolut mindesten Schritte seitens der Universität eingeleitet werden, um das zu verhindern und dann von der Universität schließlich implizit jene Antwort zu bekommen, die zugleich auch das mehrheitsgesellschaftliche Grundproblem versinnbildlicht: Der Kampf gegen den Antisemitismusvorwurf ist viel wichtiger als der Kampf gegen Antisemitismus. 

Dass man das an der Universität Salzburg nun unter dem rechten Kampfbegriff der „Cancel Culture“ diskutiert, aber den Begriff und seine hochproblematische Entwicklung besonders im deutschsprachigen Raum zeitgleich nicht einordnet, zeugt entweder von Ignoranz oder von Boshaftigkeit. Rechte Cancel Culture imaginiert Zensur und „unnatürlichen“ sprachlichen Totalitarismus durch eine hauptsächlich linke Gesellschaft und Menschen, die auf verschiedene Weise Marginalisierungserfahrungen machen. Auf unauffällige Weise hat es der Begriff so schon in einige Feuilletons geschafft, ist aber am Ende ein Begriff, unter dem Unterdrückung marginalisierter Gruppen weiterhin legitimiert wird und natürlich auch deshalb so gut im gesamten Spektrum von konservativ bis rechtsextrem ankommt. Zugleich ist er eben auch ein beliebtes Mittel rechter bis rechtsextremer Organisationen, ihre Phantasien vom „Großen Austausch“, einem Systemwandel durch jüdische Eliten, zu artikulieren, der angeblich unter anderem im Sprachwandel seinen wortwörtlichen Ausdruck finden soll. Zweifelsohne ist es also eine fragwürdige Entscheidung, mit einem derartigen Begriff in einer Lehrveranstaltung um sich zu werfen, in der es unter anderem um Antisemitismus gehen soll. Auf Basis eines antisemitischen Ereignisses.

Diese sogenannte „Cancel Culture“ hat also noch nie jene privilegierten Personen getroffen, die ständig von sich behaupten, „gecancelt“ zu werden. Im Gegenteil: Während marginalisierte Gruppen um ihr Leben bangen und täglich mit der Angst konfrontiert sind, vielleicht eines Tages von Rechtsextremen aus dem physischen Leben gecancelt zu werden, weil die Mehrheitsgesellschaft glaubt, man müsse diskriminierende, faschistische und rechtsextreme Positionen aushalten, inszenieren sich jene, die diese lebensbedrohlichen Strukturen aktiv oder passiv stützen, als die Opfer ihres eigenen Narratives, in dem sie von den Betroffenen zensiert und schließlich ausgegrenzt würden, weil man sie kritisiert und darum bittet, marginalisierte Gruppen nicht mehr zu unterdrücken. Cancel Culture, um die Bedeutung des Begriffes, dem sich auch an der Universität Salzburg bedient wird, zu korrigieren und zu konkretisieren, das sind Einschüchterungs- und Silencingversuche aus dem rechten Lager, die nicht nur toleriert, sondern gesellschaftlich als demokratisches Gut unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit verteidigt werden. Cancel Culture ist es, Betroffenen den hart erkämpften öffentlichen Raum wegzunehmen und sich über sie lustig zu machen, zu sagen, sie seien zu überempfindlich, sie könnten das nicht „objektiv“ betrachten, so als ob die österreichische und bundesdeutsche Täter*innengesellschaft objektiv auf Diskriminierung blicken könnte. Cancel Culture ist, dass Marginalisierte sich aus Selbstschutz aus dem öffentlichen Raum zurückziehen müssen, weil das Sicherheitsrisiko zu hoch ist, während Rechtsextreme keinerlei Grenzen oder Konsequenzen befürchten müssen. Cancel Culture, das ist schließlich auch der NSU, das ist Hanau, das ist Halle, der NSU 2.0, das sind die Attentate in München 1972 und 2016, das ist Idar-Oberstein und das sind auch die hunderten weiteren „Einzelfälle“, wegen der wir tagtäglich Angst haben, während ihr darüber streitet, was man denn noch sagen darf.

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