Es könnte so einfach sein – ist es aber nicht*

Barack Obama, Dalai Lama, Offizielles Foto, Kartenraum

In der letzten Ausgabe der uni:press (#706) wurde scharfe und teils auch polemische Kritik am
Lehramtstudium und insbesondere der School of Education geübt. In Anschluss daran erreichte der
Debattenbeitrag eines Lehramtsstudenten, der einen konstruktiven Ausweg aus dem Lehramt-Dilemma
aufzeigen möchte, die Redaktion. Ihr findet ihn hier abgedruckt.

Benjamin Remmelberger

Triggerwarnung: Im folgenden Text wird ein fiktives Szenario beschrieben, indem eine Person
nicht näher definierten Geschlechts nächtens einer anderen Person nicht näher definierten
Geschlechts begegnet – mit potentiell bösen Absichten. Das Szenario wird daraufhin nicht
weitergeführt – es geht nur bis zur Begegnung.

Wer kennt es nicht? Oder doch? Die moderne junge Person, wohlbehütet aufgewachsen im Erste-Welt-
Land, will sich noch weiter unabhängig machen, weil man ja doch immer wieder etwas hört von tätlichen

Übergriffen, und besucht aus diesem Grund einen Selbstverteidigungskurs. Dort bringt man ihr und den
Gleichgesinnten dann nebst bestem Wissen im Umgang mit allerlei sozialen Situationen geheime
Techniken bzw. die Schwachstellen des Menschen bei und trainiert dann in fiktiven Szenarien mit dem
Team vor Ort das Neugelernte. So weit, so gut.
Mit dem neu ‚geboosterten‘ (ganz ohne Pflicht) Selbstvertrauen wagen sich die Personen nun wesentlich
selbstbewusster durch den Großstadtdschungel, da sie nun ja jederzeit gewappnet sind für den Ernstfall.
Beim nächtlichen Spaziergang werden die Bewegungen, Techniken und Strategien nochmal vor das
Auge geholt und im Dojo des Geistes fleißig trainiert, damit auch wirklich jeder Überraschung mit
maximaler Vorbereitung begegnet werden kann. Dann der Ernstfall. Wie – Ernstfall? Trotz der
Vorbereitung ist die Begegnung im echten Leben dann, so kann ich für dieses Szenario zum Glück nur
vermuten, eine ganz andere Erfahrung und Herausforderung. Wie geht es nun weiter für unsere maximal
gut vorbereitete Person, die im schlechtesten Fall merkt, dass sich im echten Leben die bösen
Menschen nicht so langsam und freundlich verhalten, wie die Betreuer*innen im Selbsthilfekurs?
Eine logische Schlussfolgerung könnte sein, dass die Person in ihrer Annahme, sich ansatzweise
‚selbsthelfen‘ zu können, auf die Schnauze fliegen wird. Und genau an diesem Punkt möchte ich dich
Leser und dich Leserin dazu einladen, dieses gesamte Szenario als Pendant zur pädagogischen
Lehramtsausbildung an der School of Education zu verstehen. Was auf den ersten Blick wie ein geistiger
Spagat der Sonderklasse erscheinen mag, wird mit der Analyse der Gemeinsamkeiten leicht
nachvollziehbar. Es geht um Teilnahmslosigkeit und Zivilcourage, auf sich aufmerksam machen und das
große Delta zwischen Theorie und Praxis. Dass diese zwei Szenarien nicht komplett kongruent sind,
liegt auf der Hand. Doch was genau sind die Gemeinsamkeiten – und was die Unterschiede? Ein
Annäherungsversuch:


Gemeinsamkeit: 80–90 % der Anwesenden haben den Ernstfall noch nie erlebt.
Unterschied: Das Interesse. Wobei ich nicht bezweifle, dass prinzipiell und theoretisch an den Inhalten
beider Veranstaltungen Interesse besteht; nur behaupte ich, dass für das eine Szenario eine Vorstellung
dieser Situation im Geist besteht und damit verbunden ein Bedürfnis, ja eine Notwendigkeit, dieser
Eventualität mit maximaler Vorbereitung zu begegnen und im anderen Falle nicht.

Gemeinsamkeit: Sprache.
Unterschied: Einmal versteht der:die Ahnungslose, die Sprache der Vortragenden und im andern Fall
frühestens nach drei Semestern.

Gemeinsamkeit: Fiktive Szenarien und theoretische Strategien.
Unterschied: Gelerntes praktisch & direkt üben.

Gemeinsamkeit: Vorbereitung für den Ernstfall.
Unterschied: Eintrittswahrscheinlichkeit des Ernstfalls:
Der Ernstfall wird hoffentlich nicht eintreten vs. der Ernstfall wird nicht nur ganz sicher eintreten, er wird
Teil des Alltags.
Unterschied: Die Teilnehmer*innen nehmen sich das Wissen mit und wiederholen es, aus
obengenannter Notwendigkeit und weil sie es verstanden haben, um für den Ernstfall gewappnet zu
sein.

Gemeinsamkeiten: Kosten
Unterschied: Art. Der eine Kurs kostet Geld & Zeit, der andere Verständnis, Nerven und Sitzfleisch.

Und nun noch zwei Unterschiede, um das Risiko der Verwechslung zu minimieren:
Unterschied 1: Freiwilligkeit. Ja, in beiden Kursen landet man nur, wenn man sich aktiv für etwas
entscheidet, aber es gibt trotzdem einen Unterschied zwischen „Ja, ich habe mich für dich als meine
Frau entschieden“ und „Ja, ich habe mich entschieden, deine Tochter zu heiraten, weshalb du meine
Schwiegermutter sein wirst. Automatisch. Also irgendwie auch dafür entschieden, aber es gibt ja zum
Glück Funklöcher.“
Unterschied 2: „Wow, der Kurs war super.“

Der in meinen Augen gravierendste Unterschied, an dem man ansetzen könnte, ist hier der Ernstfall an
sich. Für den Selbsthilfekurs wäre es eventuell auch hilfreich, wenn man die Personen parallel zum Kurs
einmal wöchentlich unbewaffnet in den dunkelsten Ecken der bösesten Städte hospitieren lassen würde,
aber das macht natürlich keinen Sinn. Beim Lehramtsstudium hingegen, könnte das doch die ultimative
Lösung für diverse Probleme sein.
„Halt, Stop. Lass mich träumen. Ich bin jetzt Chef!“
Ab jetzt muss jede:r Lehramtsstudent:in im ersten Semester 1 2 3 Tage pro Woche an einer Schule
hospitieren. Im zweiten Semester dann nur noch 2 Tage pro Woche. Im 3., 4., 5. je einen Tag. Für die
ultimative Erfahrung kann der:die Student:in gerne dieselbe Klasse durchgehend betreuen. Sämtliche
Praktika werden in diesen Semestern eingespart. (Hand auf’s Herz: Mit diesen sporadischen
Schulbesuchen weiß ich danach genauso viel über den Schulalltag, wie ich über Südamerikas Favelas
weiß, nachdem ich drei Mal Caipirinhas in der Havana Cocktailbar getrunken habe  Nicht recht viel
mehr als zuvor.) Von mir aus kann es dann im 6., 7. und 8. Semester etwas ruhiger zugehen, mit einem
oder keinem Tag an der Schule – hier wird ordentlich fachlich gearbeitet, um Karl Mags und das Beast of
Education (Anm. Die Autor:innen der Artikel zur School of Education aus der letzten Ausgabe der
uni:press) zufrieden zu stellen, und dann gipfelt das Ganze im ultimativen Masterpraktikum, bei dem
klassisch ein Semester lang ca. acht Stunden pro Fach pro Woche unterrichtet werden und der:die
Praktikant:in dabei möglichst eng begleitet wird von einem:einer Kompetenten, der:die sich absolut
zuständig und verantwortlich fühlt für sämtliche Fragen, die in dieser Zeit aufkommen.
Das hätte zur Folge, dass man sich die fiktiven Szenarien sparen könnte, weil die Student:inn:en selbst
genügend Alltag mitbekommen haben, der in den Kursen besprochen und bearbeitet werden kann.
Zusätzlich bekommen alle Studis einen Eindruck von der Notwendigkeit von professionellem Vorgehen
in schwierigen Situationen, weil es die eben gibt, meistens im Alltag, bedeutend weniger im
sporadischen Besuch bei diversen Praktika. Des Weiteren würden auf diesem Weg jene Studis frühzeitig
aussortiert werden, die keine Lust auf den Schulalltag haben. Und das soll keine Gemeinheit sein,
sondern das würde ebenjenen Studis helfen und die gesamte Qualität des Lehramtsstudiums heben,
weil dann eben frühzeitig nur noch ernsthaft interessierte Menschen in den Kursen sind und sich
austauschen können. Ein Szenario, das nach utopischer Zukunftsmusik klingt. Mit Engelschören und
Fanfaren. So oder so ähnlich… wär doch ein spannendes Konzept.

Ich fasse zusammen:
Was?
Viel mehr frühzeitige Schulalltagserfahrung (3 Tage/1. Semester; 2 Tage/2. Semester)
Warum?
– Spreu vom Weizen trennen
– Praxiserfahrung
– reale Vorstellung des Schulalltags

Was?
Großes Masterpraktikum und kompetente enge Betreuung
Warum?
Weil es fatal ist, junge Lehrer:innen ohne ebenjenes und dafür mit zwei bis drei
theoretischen Modulen mehr in den Alltag zu schicken. Dass das wirklich
funktioniert, ist Armutszeugnis genug und eigentlich wahnwitzig.
Zusatz: Die Betreuung: Da gibt’s solche und solche… aber vernünftig sind halt nur
solche… also muss das kontrolliert werden, dass sämtliche Hallodris, die nur die
Abwechslung mit den Student:innen genießen und das zusätzliche Geld, aber
ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, diesen Job nicht mehr machen!

I kürz nomoi:
– Hart Hospitieren ab dem 1. Semester
– Uninteressierte sind frühzeitig weg
– Qualität steigt
– Schulalltag aus „Lehrer*innensicht“ wird eine plastische und reale Vorstellung
– Großes Masterpraktikum mit kompetenter Betreuung
– Hausverstand!

Können wir uns darauf nicht einigen?
Wenn ja, komme ich wieder für den Master! Versprochen!

* Zitat – Die Fantastischen Vier

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