Die Universität als gigantische Skinner-Box

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Die PLUS hat jetzt mittlerweile 400 Jahre auf dem Buckel und verpasst sich selbst eine Frischzellenkur. Ein Hauch von Californication weht jetzt durch die barocken Gassen Salzburgs. Mit der Fülle an Meditations-Workshops, Start-Up-Mentorings und Coaching-Angeboten könnte man die PLUS fast mit einem Techunternehmen aus dem Silicon Valley verwechseln. Sinnbildlich für diese Transformation steht das On Track-Projekt.

Von David M.

Wenn das Ministerium für Wissenschaft und Forschung freiwillig Geld springen lässt, muss man grundsätzlich skeptisch sein, umso, mehr wenn es sich dabei um eine Summe von 900.000 Euro handelt. So viel Geld ließ sich das besagte Ministerium das On Track-Projekt kosten, das derzeit an der Universität Salzburg durchgeführt wird (angelegt auf 4,5 Jahre). Ziel des Projektes ist – so kann man auf der Website nachlesen –  in den kommenden drei Jahren „die bessere soziale Vernetzung der Studierenden und Unterstützung in schwierigen Studienabschnitten mit dem langfristigen Ziel einer besseren Identifikation mit dem eigenen Studium und der Universität.“ Erreicht werden soll dies durch ein Mentoring-Programm, wobei Studienanfänger*innen mit bereits erfahreneren Studierenden zusammengebracht werden. Daneben gibt es auch Coachings und Trainings, zur Beratung bei Abschlussarbeiten oder für Fragen rund um das Studium.

Angesiedelt ist dieses Projekt unter der Leitung von Eva Jonas am finanziellen wie ideologischen Zugpferd der PLUS: am Fachbereich Psychologie. Aktuell umfasst das Projekt zehn Personen, von der Professorin bis hin zum Doktoranden. Hinzu kommen noch ehrenamtliche Mentor*innen aus der Studierendenschaft. Begleitet wird das Projekt von einem aufwendigen Social-Media-Auftritt aus Instagram-Account, Blog, Webseite und es gibt sogar ein regelmäßig erscheinende analoge Broschüre. Alles in allem also ein mords Bahö.

Universitäre Caritas?

Natürlich alimentiert der Staat Unis nicht einfach so mit knapp einer Million Euro, weil er gerade lustig ist. Die bildungspolitisch goldenen 70er sind längt vorbei und schon seit vielen Jahren ist das Schul- und Unisystem von steten Einsparungen geprägt. Und spätestens seit den Bologna-Reformen ab 1999 macht sich jede*r des Wahnsinns verdächtig, der*die auch nur eine Sekunde daran glaubt, es würden noch Reste von dem vorhanden sein, was man einst unter einem humanistischen Bildungsideal verstand.  

Heute geht es – betriebswirtschaftlich formuliert – in erster Linie darum, Output zu generieren, koste es, was es wolle. Das Ministerium will ja auch was haben für sein Investment. Doch wie will man diesen messen, bei einem vermeintlich immateriellen Gut wie Bildung? Nicht dass am Ende der 4,5 Jahre eine Frage offen bleibt und zwar: „Wo woar mei Leistung?“ 

Deshalb müssen die 900.000 Euro möglichst zügig und ohne Kursverlust in die universitätseigene Währung umgetauscht werden – in ECTS aber allen voran Abschlüsse. Und das ist auch Ziel von On Track, man gibt es ganz offen zu. Zwar nicht auf den hauseigenen Social-Media-Kanälen – dort würde es wahrscheinlich zu sehr den hemdsärmligen Feelgood-Vibe stören. Sehr wohl aber gegenüber der Zeitung Die Presse, dem österreichischen Zentralorgan für entfesselten, aber anständigen Neoliberalismus. Dort konnte man im Sommer 2020 lesen, dass die Evaluation der Pilotphase ein sagenhaftes Ergebnis zu Tage förderte: Sieben ECTS-Punkte mehr haben Studierende absolviert, die sich in die Obhut von On Track begaben. Ob es sich dabei nun um eine Win-Win-Situation handelt, wie der stellvertretende Projektleiter Stefan Reiß im Interview mit Studo meint, oder es eher ein akademischer Kuhhandel ist, soll im Folgenden beantwortet werden.

Versuchsaufbau

Aber gibt es jetzt wirklich groß was zu kritisieren? Menschen manchen sich Gedanken darüber, wie man Studierende im Studium unterstützen kann, nebenbei fallen hinten noch sieben ECTS-Punkte vom Laster und dann kommen allen Ernstes irgendwelche miesepetrigen Querulanten und fantasieren sich das Haar in der Suppe herbei. Typisch österreichisches Verhinderer-Mindset wie es scheint.

Um nicht auf der Ebene der haltlosen Raunzerei zu bleiben, muss ein Blick auf die Umtriebe des Projekts geworfen werden. Nicht undankbar darf man an diesem Punkt über den schon fast kadermäßigen Organisationsgrad sein: On Track verfügt über eine bestens geölte PR-Maschine, die nach allen Regeln der Marketingkunst funktioniert und mit der sämtliche Aktivitäten feinsäuberlich auf Instagram dokumentiert werden. Anders als die kognitiven Prozesse im Behaviorismus – um auf psychologischem Boden zu bleiben – ist On Track alles andere als eine Black Box, eher sogar das Gegenteil.

Ausgehend von dem, wie sich das Versuchsobjekt dort darstellt, lassen sich im Grunde zwei Linien der Kritik verfolgen. Der Versuchsaufbau gestaltet sich also wie folgt: Zum einen ist es die Disziplin der Psychologie und die ihr zugrundeliegenden Prämissen selbst, die mehr als kritikwürdig sind und die mutatis mutandis auch die Prämissen der Arbeit von On Track sind. Zum anderen ist es die institutionell-funktionale Einbettung von On Track im Salzburger Unikosmos bzw. die generelle Funktion solcher Projekte im Bildungssystem eines zur neoliberalen Austerität angehaltenen Bildungsministeriums.

Begleitmusik des Neoliberalismus

Dass On Track am Fachbereich Psychologie angesiedelt ist, ist wohl alles andere als ein Zufall. Das hat mehrere Gründe: Der Fachbereich Psychologie ist der mit Abstand professionellste an der PLUS. Ob das nun am großen Andrang liegt – man denke vor allem an die rigiden Zugangsbeschränkungen in Deutschland – oder weil einfach fähige Macher*innen an den zentralen Stellen sitzen, sei dahingestellt. Als die anderen Fachbereiche noch hin und her faxten, hatten die Psycholog*innen schon eine Webseite, die direkt aus dem Handbuch der Boston Consulting Group zu stammen schien – lange vor Rektor Lehnerts groß angelegter Vereinheitlichungs-Offensive. Viele aktive Studierende bedeutet jedenfalls viel Geld vom Bund.

Zum anderen – und das ist wahrscheinlich der ausschlaggebende Faktor – ist die Psychologie, wie sie sich gegenwärtig darstellt, die ideologische Flankierung des an den Unis grassierenden Wild-West-Liberalismus, der nur Effizienz und Abschluss-Output kennt. Um zu verdeutlichen, was damit gemeint ist, lohnt sich ein Blick darauf, was das Personal des Fachbereichs so publiziert. 

Der Mensch als bessere Skinner-Ratte

Jüngst sorgte das Sachbuch „Warum machen wir es nicht einfach? – Die Psychologie der Klimakrise“ von Isabella Uhl-Hädicke für Aufsehen. Uhl-Hädicke ist Senior Scientist an der PLUS und ihres Zeichens Umweltpsychologin. Aufgabe dieser Subdisziplin ist es – so kann man es auf der Webseiten nachlesen – zu erforschen, „welche Rahmenbedingungen nachhaltiges Handeln unterstützen und was Menschen motiviert, einen klimaschonenden Lebensstil zu wählen“, denn man „leistet einen wichtigen Beitrag, um Politik, Gesellschaft und Individuen bei dieser zukunftsweisenden Herausforderung zu beraten, zu unterstützen und zu motivieren“, heißt es dort weiter. Diese Ansätze greift Uhl-Hädicke in ihrem Buch auf und konkretisiert sie dort. 

Neben der zentralen Rolle der sogenannten Third Mission, mit den generierten Forschungsergebnissen der Gesellschaft aber viel mehr der Wirtschaft einen Benefit – um in der Coaching-Diktion zu bleiben – zu liefern, ist das eigentlich Skandalöse, den Klimaschutz von der Motivation der*s Einzelnen abhängig zu machen. Der Styria Verlag, bei dem Uhl-Hädickes Buch verlegt wird, schreibt auf der Webseite, dass man dort Antworten findet, wie man endlich die „Komfortzone“ verlässt oder den „inneren Schweinehund“ überwindet hinsichtlich des Klimawandels. Allesamt Wendungen und Phrasen, die man bei jedem Wald-und-Wiesen-Life-Coach zu hören bekommt. 

Gegenüber dem ORF lieferte Uhl-Hädicke auch ein Beispiel aus der freien Wildbahn: Es gilt die kognitive Dissonanz – vulgo der Mensch weiß, dass jeden Tag Schnitzel essen nicht gut für Umwelt ist, will es aber partout nicht ändern – zu überwinden. Uhl-Hädicke rät, dem renitenten Menschen mit ein wenig Gamification auf die Sprünge zu helfen; den Konkurrenztrieb im Menschen zu kitzeln quasi. Wenn man etwa als Privathaushalt seinen Energieverbrauch senken will, kann es also ratsam sein – so eine Studie – zu schauen, was die Nachbarn so verbrauchen. Denn wenn man’s dem Nachbarn ordentlich zeigen kann und dafür belohnt wird, zumindest moralisch, duscht man auch gerne mal im Winter kalt.*

Wenn man den Klimawandel nun nicht als das fehlgeleitete Handeln einer Summe von Individuen begreift, sondern – und das ist jedem*r zu raten – als das Ergebnis einer kapitalistischen Wirtschaftsweise, die bei endlichen Ressourcen stetes Wachstum produzieren muss, um die nächste Krise zumindest hinauszuzögern, wird ebenfalls eine kognitive Dissonanz erkennbar. Man bedient sich derselben Konkurrenzlogik, die dem Kapitalismus ureigen ist, um dessen Auswüchse im Zaum zu halten. Irgendwo beißt sich die Katze dann halt in den eigenen Schwanz. Politik und mit ihr divergierende Interessen oder historisch gewachsene Wirtschaftsweisen sind alles Dinge, die es in dieser Sichtweise auf die Welt schlicht nicht gibt. Übrig bleiben nur das Tun und Handeln des*der Einzelnen. Die Gesellschaft mit ihren Dynamiken und Gesetzmäßigkeiten gerät zur gigantischen Skinner-Box, in der man die menschlichen Bewohner nur genügend belohnen muss, damit sie auf den richtigen Knopf drücken.

Bis der letzte Schweinehund achtsam ist

Diese Auffassung, dass sich nur mit genügend Anreizen, Belohnung alles irgendwie einrenken lässt, gepaart mit einer konsequenten Verschiebung von Problemen auf die Ebene des Individuums, zieht sich wie ein roter Faden durch das On Track-Projekt. Ist nur genügend Motivation vorhanden – Psycholog*innen zufolge ist es diese, die die Welt im Innersten zusammenhält – müsste alles wie geschmiert laufen. 

Viele Angebote von On Track drehen sich auch genau darum. Sei es nun das Abschlussarbeits-Coaching, das „normale“ Coaching oder das On Track-Training. Aufhänger ist immer das Hochhalten der Motivation oder, wenn diese flöten gegangen ist, sie wieder zu finden. „Du befindest dich in einem Motivationsloch“, „erhalte mehr Sinn und Effizienz in deinem Studium“ oder „Du fühlst Dich überfordert?“ lauten die Aufhänger der einzelnen Angebote. Und On Track trifft da zweifelsfrei einen Nerv. Im Winter 2021 veröffentlichte die Donau-Universität Krems eine Studie, der zufolge 62 % der befragten jungen Frauen und 38 % der jungen Männer zwischen 14-20 eine mittelgradige depressive Symptomatik aufweisen.** Es liegt also einiges im Argen hinsichtlich der psychischen Gesundheit junger Menschen. Es hat die Corona-Situation wohl einen erheblichen Beitrag zu diesen Ergebnissen geleistet. Aber auch jüngere Zahlen aus dem März 2022 – einer Zeit, in der Unis wieder auf Präsenzlehre umstellten, Konzerte fanden statt usw. – deuten auf keine Entspannung hin. Bei der in Deutschland durchgeführten Trendstudie „Jugend in Deutschland – Sommer 2022“*** (befragt wurden dabei 1021 Menschen im Alter zwischen 14 und 29) gaben 45 % der Befragten an, unter Stress zu leiden, 35 % beklagten Antriebslosigkeit und 32% fühlten sich erschöpft. Hauptgründe hierfür sind Sorgen um die „berufliche, wirtschaftliche und finanzielle Zukunft“, so der Mitautor Klaus Hurrelmann.

Ein Problem zu benennen ist die eine Sache. Komplizierter und kontroverser wird es, wenn es darum geht, jenes eingehend auf seine Ursachen hin zu untersuchen und daraus Mittel und Wege zur Lösung abzuleiten. Gerade wenn Untersuchungen nahelegen, dass fast die Hälfte der jungen Menschen unter Stress leiden, müsste doch die Frage nach dem gemeinsamen Nenner virulent werden. Die Trendstudie tut dies zum Teil und verweist auf externe und strukturelle Umstände, die sich auf das psychische Wohlbefinden auswirken. Viel zu oft noch werden aber psychische Krankheiten wie Depressionen oder eben der vielbeschworene Motivationsverlust lediglich auf der Eben des Individuums verhandelt. Die Erklärungen reichen von einer aus der Balance geratenen Hirnchemie, über die genetische Veranlagung bis hin zu einem liederlichen Lebenswandel, dem man nur mit regelmäßigem Sport, einem Zirbenholzkissen und Achtsamketsübungen beikommen muss.

Kurzum: psychische Krankheiten, unglücklich und überfordert sein, Stress, Angst zu versagen usw. werden als eine Fehlerhaftigkeit der*s Einzelnen behandelt. An ein paar Stellschrauben energisch drehen und man ist wieder fähig, die Leistung abzurufen, die von einer*m erwartet wird. Nichts ist nämlich schlimmer an psychischen Erkrankungen als die damit einhergehende Unproduktivität, wie etwa zu wenig absolvierte ECTS. Nicht zuletzt werden solche Schlüsse von einer Psychologie – Stichwort Positive Psychologie –, die Gesellschaft als einen erklärenden Faktor geflissentlich aus der Gleichung gekürzt hat, mit wissenschaftlichem Gestus ideologisch unterfüttert. Es ist nicht die fehlerhafte Einrichtung einer kapitalistischen Gesellschaft die Schuld ist an psychischen Erkrankungen, sondern die fehlerhafte Anpassung des*r Einzelnen an diese. Auf On Track umgemünzt: Die Uni kann schon stressig sein, der Fehler liegt aber nicht in der post-bolognischen Funktionsweise, sondern daran, dass man sich einfach nicht genug coachen lässt.

Coaching, Innovation, Effizienz – wofür eigentlich?

Die Uni, aber auch schon davor die Schule, ist zu hoch kompetitiven Umfeld geworden. Das äußert sich auf so gut wie allen Ebenen und zieht sich wie ein roter Faden durch die PLUS. Das fängt an bei der Vizerektorin Barbara Romauer, die mahnt, dass man die Uni als wirtschaftlichen Akteur begreifen müsse, über die jungen Dozent*innen, die hoffen, dass alle Seminararbeiten abgegeben werden, weil sonst die Stelle gestrichen wird, über ständige Evaluationen bis hin zu den Studierenden selbst, die Seiten aus Büchern reißen, um gegenüber den Kommiliton*innen eine Lernvorteil zu haben. Dazwischen findet man bei genauerem Hinschauen Reste von Bildung. 

Der britische Marxist Mark Fisher bezeichnete die Entwicklung als Market Stalinism, wonach es nicht mehr so sehr darum geht, dass etwas vermittelt oder erreicht wird (in diesem Fall Bildung, kritisches Reflexionsvermögen usw.), sondern, dass es, um das reibungslose Vonnstattengehen des Marktes zu gewährleisten, viel wichtiger ist, nur den Anschien als ob (ECTS, Evaluationen) zu erwecken. Alleine beim Abschlussarbeiten-Coaching von On Track füllt man in einem Zeitraum von sechs Wochen vier Fragebögen aus. Ähnliche Tendenzen lassen sich bei so gut wie allen (ehemaligen) öffentlichen Gütern, wie etwa dem Gesundheitssystem, feststellen, die Jahr für Jahr ein Stück mehr privatisiert und die Leistungen zurückgestutzt werden. Weiterer Vorteil: stimmen die Zahlen, muss die die PR-Abteilung nur halb so viel arbeiten. Vor diesem Hintergrund ist On Track im Sinne Fishers stalinistischer als Werner Murgg in seinen besten Zeiten.

Agenturisierung

Ein Projekt von On Track, bei dem sich diese Outsource-Privatisierung mustergültig zeigt, ist Recosy PLUS. In der Eigendiktion ein „Helpfinder, welcher von Studierenden für Studierende entwickelt wurde.“ Im nächsten Satz wird das aber schon relativiert, da eine Salzburger Firma mit dem Namen Fact AI GmbH die Technik stellt. Ziel ist es, Fragen von Studierenden zur Uni oder rund ums Studium schnell zu kompetent zu beantworten. Jetzt könnte man sich natürlich denken: „Warte, es gibt doch das Beratungszentrum der ÖH, das genau für diese Aufgabe da ist?“ Und im Grunde stimmt das auch: im besten Fall bekommt der*die Fragende hier schnell die Antwort, die er*sie benötigt. 

Der Knackpunkt ist aber die Struktur, in die die ÖH bzw. Recosy PLUS eingebettet ist. Während die ÖH in erster Linie ehrenamtlich mit geringen Aufwandsentschädigungen arbeitet, hat On Track ein sattes Budget, mit dem sich auch Späße wie Werbeteaser samt Drohnenvideos und fancy PR finanzieren lassen. Jetzt kann man über den Korporatismus in Österreich schimpfen wie man will: zu ungelenk, zu langsam, zu altmodisch insgesamt. Und das mag auch alles stimmen, aber in Form der ÖH verfügt die Studierendenschaft über eine Selbstverwaltung, mit der Interessen artikuliert werden können und die im besten Sinne parteiisch ist, auch in Fragen der Beratung. Ob das bei Recosy PLUS der Fall ist, das mehr einer Agentur gleicht, mit Mitteln vom Bund finanziert wird und von der Technik eines privaten Unternehmens abhängig ist, darf stark bezweifelt werden. Es wäre ein herber Verlust, wenn sich die ÖH bei ihren Kernkompetenzen das Wasser abgraben lässt.

Alles schlecht?

Bei all der Kritik muss man aber auch sportlich bleiben. Wenn On Track davon spricht, dass ein Ziel lautet, Studierende zu vernetzen und in diesem Zuge, wie an der Nawi geschehen, gemeinsam mit der dortigen Fakultätsvertretung die Mensa neu gestalten und einen Ort schaffen, an dem man sich gern trifft und sich angenehm aufhalten kann, so kann man das nur gut finden, zumal solche Möglichkeiten an der PLUS sehr rar gesät sind. Gleiches gilt, wenn Studierenden geholfen wird, eine Abschlussarbeit zu schreiben. Der Teufel steckt aber wie so oft im Detail.

Dass die Uni in naher Zukunft wieder zu einem Ort der Bildung wird, vielleicht sogar einer im Sinne der Aufklärung (wenn man ein*e pathetische*r Nostalgiker*in ist), darf bezweifelt werden. Viel mehr dürfte universitäre Bildung weiter zum Produkt verkommen als sie es ohnehin schon ist, das man als geschäftstüchtiger Rektor gewinnbringend verscherbelt wissen will. Darunter zu leiden haben vor allem Studierende, die als Wertanlage durch 180 ECTS gescheucht werden. On Track übernimmt hierbei die Funktion der Ölkanne, die Sorge dafür zu tragen hat, dass der Motor durch ausgelaugte Studierende nicht ins Stottern gerät. Die Herausbildung von intellektueller Autonomie oder die Fähigkeit zur kritischen Reflexion, was die eigentlichen Ziele von Bildung sein sollten, stören dabei nur.****

Wenn On Track sagt, dass es die Identifikation der Studierenden mit ihrem Studium fördern will, meint das am Ende eines: lieber noch heute als morgen arrangiert man sich mittels Coachings und Trainings mit dem Umstand, dass Stress, Motivationsverlust und Überforderung bei Studierenden keine bedauerlichen Einzelfälle sind, sondern die logischen Konsequenzen von marktwirtschaftlich organisierter Bildung darstellen. On Track ist gewiss nicht ursächlich schuld an dieser Entwicklung, aber mitverantwortlich, diesen defizitären Ist-Zustand ideologisch wie logistisch am Laufen zu halten und Abschluss-Ausfälle für das Rektorat kalkulierbarer zu machen. Statt dieses Problem in seiner Tiefe und Systemhaftigkeit zu benennen, entschied man sich für den skinner’schen Weg der Konditionierung. Konditionierung an ein Umfeld, in dem psychisch kranke und oder ineffiziente Studierende zwar wahrgenommen werden – das schon – aber in erster Linie als ein Problem für das Finanzrektorat. 

Quellen:

* Warum eine solche individuelle Konsumkritik ein Irrweg ist kann man z.B. hier nachlesen: https://www.krisis.org/2019/lizenz-zum-klima-killen/

** Die Studien der Donau-Universität: https://www.donau-uni.ac.at/de/aktuelles/news/2021/psychische-belastung-bei-jugendlichen-weiterhin-hoch.html

*** Pressemitteilung der Studie: https://simon-schnetzer.com/blog/pressemitteilung-zur-trendstudie-sommer-2022/

****  In diesem Zusammenhang sei der Aufsatz „Theorie der Halbbildung“ von Theodor Adorno empfohlen. Eine harte aber aufschlussreiche Nuss: https://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/18760/ssoar-1959-adorno-theorie_der_halbbildung.pdf

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